Gefühlswelten

Wenn wir zu einem Einsatz gerufen werden, kennen wir in der Regel die „Fakten“:
Wie alt ist das Sternenkind?
Gibt es etwas Besonderes zu beachten?
Werden die Eltern dabei sein, wenn die Erinnerungsbilder angefertigt werden?

Was wir nicht wissen: was uns emotional erwartet!

Die Stimmung bei den Einsätzen ist immer von Trauer begleitet, sie zeigt sich dennoch in vielen verschiedenen Varianten:

Die allermeisten Einsätze sind sehr friedvoll und man mag es sich kaum vorstellen, aber nicht selten wird auch ein wenig gelacht, geschmunzelt und die Eltern empfinden tiefes Glück, ihr Kind im Arm zu halten - natürlich immer begleitet von dem Schmerz, nicht sein Leben begleiten zu können:
Sah das Geschwisterchen genauso aus bei seiner Geburt?
Schau mal, der kleine Finger, genauso einen kleinen Knick hat der Opa auch!
Sieh‘, die Haare, genau wie bei mir damals!"

In diesen Momenten scheint das allerschlimmste für einen kleinen Augeblick  beiseite geschoben und Glück zieht für einen Wimpernschlag lang ein.

Es gibt auch Einsätze, bei denen nur geweint wird und manchmal das kleine Sternenkind vor Schmerz der Eltern in diesem Moment nicht im Mittelpunkt stehen kann, wenn wir vor Ort sind. Momente, in denen die Mama sich zum Beispiel ganz intensiv um den Papa kümmern muss, weil dieser kurz davor ist zusammenzubrechen, wo keine Kraft da ist, gemeinsame Bilder mit dem Kind anfertigen zu lassen.
Momente, in denen vor Trauer kaum eine Phase des Kennenlernens möglich ist.

Diese Einsätze sind für uns Fotograf:innen oft noch lange in unseren Köpfen.  Oftmals schaffen wir es dennoch, die Eltern aus dieser Schockstarre zu holen, wir reden mit ihnen, wir reden mit dem Kind, wir versuchen die Eltern „zu beschäftigen", ihnen Aufgaben zu geben - und manchmal ist ein Annähern dann möglich...

Es gibt aber auch sehr stille Einsätze, bei denen kaum gesprochen wird:
Die Eltern saugen jeden Moment ins sich auf, sind ganz bei sich und nehmen uns Fotograf:innen kaum wahr -  und so fangen wir starke Momente und wundervolle Augenblicke ein, in denen die kleine Familie ganz bei sich ist...

Ihr Lieben,
bekommt man die Nachricht, dass das eigene Kind im Bauch verstorben ist, steht die Welt still und man kann keinen klaren Gedanken fassen.
Wir möchten euch unbedingt ans Herz legen, den Mut zu haben, euer kleines Baby anzuschauen und es vielleicht sogar auf den Arm zu nehmen.
Wir wissen aus Erfahrung, dass viele Angst vor dem Anblick haben und diese Angst möchten wir euch nehmen:
Sprecht mit den Hebammen vor Ort, kontaktiert uns, wenn ihr Fragen habt – wir sind für euch da!

Ben und seine große Schwester

Als ich damals den Kreißsaal betrat, lag die Mama mit Ben im Arm. Ganz still, ganz innig. Sie erzählte mir, was geschehen war – dass Ben in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurde und nicht bei ihnen bleiben konnte. Und dann begannen wir – ganz behutsam – mit dem Fotografieren. Ich durfte Ben liebevoll fotografieren, so zart, so still, aber voller Bedeutung. Diese Bilder waren von Anfang an ein Herzenswunsch der Mutter. Denn: „Sonst hat man ja gar nichts …“, sagte sie. „Es sind Beweise dafür, dass Ben wirklich da war.“

Kurze Zeit später kam die große Schwester Sophie mit dem Papa dazu. Sophie, damals viereinhalb Jahre alt, betrat leise und etwas schüchtern den Raum. Neugierig schaute sie zum Bettchen. Ich spürte, wie schwer diese Situation für alle war – aber auch, wie wichtig dieser Moment war. Das Eis brach schnell. Sophie trat näher, betrachtete Ben ganz aufmerksam, strich ihm zärtlich über die Stirn. Sie sog jedes kleine Detail in sich auf. Ich hielt diese Augenblicke in Bildern fest. Es war – so schwer es auch klingen mag – eine wirklich schöne, liebevolle Familienzeit: getragen von Nähe, Würde und einem tiefen Gefühl der Verbundenheit.

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Wir haben uns nicht gegen Ben entschieden – sondern für uns als Familie

„Wir haben uns nicht gegen Ben entschieden – sondern für uns als Familie.“ – eine Familie, die einen so schweren Weg gegangen ist. Sätze wie dieser bleiben. Sie zeigen, wie vielschichtig Trauer, Liebe und Verantwortung sein können – besonders dann, wenn das Leben eine Familie vor eine Entscheidung stellt, die eigentlich niemand treffen möchte.

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Einsatzbericht von Bo's Mama

Am 5.2. bin ich mit meinem Partner Jan gegen 21.00 Uhr ins Krankenhaus gefahren. Seit circa 17.00 Uhr hatte ich Wehen, welche ich erst nicht als solche einordnete. Die Regelmäßigkeit war irgendwann sehr auffällig und wir fuhren los. Da ich seit Monaten ständig Blutungen hatte und auch schon mehrfach im KH war, wo es dem Kleinen immer gut ging, war ich dieses Mal zum ersten Mal entspannt und dachte, es wird schon alles gut sein. Im Untersuchungszimmer wollte die Ärztin ausschließen, dass ich kein Fruchtwasser verliere. Als sie das sagte, habe ich das weitere Szenario irgendwie schon vor mir gesehen. Sie machte einen Ultraschall, das Herz des Babys schlug, aber es war kaum noch Fruchtwasser vorhanden. Mein ganzer Körper fing an zu zittern. Es wurden weitere Tests gemacht und eine weitere Ärztin kam und untersuchte mich. Ich wäre gerne optimistisch geblieben, hatte aber sofort dieses Bauchgefühl, dass es nicht gut ausgehen wird. Sie erklärte uns dann, dass, wahrscheinlich durch Bakterien, mein Blasensprung verursacht wurde, und dass es sehr wahrscheinlich ist, dass das Baby in den nächsten drei Tagen zur Welt kommt.
Ich war Ende der 21. SSW, viel zu früh also. Sie erklärte uns, dass das Baby noch nicht überlebensfähig sei. Sie ließ uns kurz alleine, ich weinte viel und dachte, ich sei im falschen Film.

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