Lieber Oskar,
als ich das erste Mal von dir erfahren habe, war es noch nachts. Die Koordination schrieb, dass du dich kurz vor deinem Geburtstermin auf den Weg zu den Sternen gemacht hast.

Da ich ohnehin früh zum Dienst musste, habe ich entschlossen, dass ich deine lieben Eltern und dich auf eurem viel zu kurzen Weg begleiten werde. Ich habe also bei der Arbeit und im Forum Bescheid gegeben, dass ich zu dir fahren werde. Bei der Arbeit hält man mir für diese wichtigen Momente den Rücken frei und somit machte ich mich auf den Weg.

Nach kurzer Zeit kam ich in der Klinik an und du, kleiner Oskar, wurdest in den Kreißsaal gebracht. Deine Eltern kamen auch dazu, denn sie hatten sich kurz etwas ausgeruht.

Wir haben uns einander vorgestellt und dann durfte ich dich kennenlernen. Ich weiß das sehr zu schätzen und bin immer wieder dankbar für dieses unglaubliche Vertrauen.

Deine unfassbar lieben Eltern erzählten mir in der Zeit während ich fotografierte ganz viel von dir und deiner großen Schwester. Wie sehr sie sich auf dich gefreut haben und das du ihr sehr ähnlich siehst. Ich musste ihnen direkt zustimmen. Oskar, du warst so wunderschön und perfekt. Du hättest doch nur noch wenige Wochen wachsen müssen und dann hättest du deine Familie kennengelernt. Die Frage nach dem Warum werde ich nie beantworten können; aber natürlich schwebte diese im Raum. Deine Mama und dein Papa haben aber trotz der traurigen Situation jede Faser deines Körpers aufgesogen. Du wurdest bestaunt, voller Stolz betrachtet. Deine Hände und Füße wurden in ihre Hände genommen und geküsst. Auch deine Haare wurden bewundert; so viele schon.  Eine Strähne davon haben deine Eltern bekommen.

Während ich Detailaufnahmen von dir machte, haben deine Eltern etwas zum Anziehen für dich herausgesucht. Und was mich dann sehr gefreut hat war, das dein Papa dich angezogen hat. Das hat mich so überrascht, das ich mein Objektiv gar nicht wechseln konnte und dieses Bild nur einen Teil davon zeigt. Aber er hat dich angezogen. Dieses eine Mal. Aber dieses eine Mal ist wahrscheinlich wichtiger als man denken mag. Natürlich hast du auch eine Windel an. Und einen kleinen Bären zum kuscheln bekommen.

Ach Oskar; es waren so liebevolle Momente mit deinen Eltern. Sie sind so zauberhaft. Ich durfte so viel von deiner Familie erfahren und erleben; ich bin mir sicher du begleitest sie von deinem Stern. Und besonders deine Schwester. Sie hat sich sooooo unglaublich auf ihren kleinen Bruder gefreut.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich euch alleine lassen kann und mich von dir verabschiedet. Deine lieben Eltern habe ich eine Woche später noch einmal besucht, um die Bilder von dir zu überbringen. Und was bekomme ich da? Einen wunderbaren Blumenstrauß und Pralinen. Oskar, da flossen bei mir vor Rührung die Tränen. Die Dankbarkeit deiner und vieler anderer Eltern ist so unfassbar. Sie denken in diesen schweren Zeiten an Andere.

Lieber Oskar, ich bin unglaublich dankbar, dass deine Familie mir dieses Vertrauen geschenkt hat und ich dich kennenlernen durfte. Und das ich euch ein kleines Stück eures Weges begleiten durfte. Für deine Familie ist die Welt stehen geblieben. Ich werde durch diese kostbaren und sehr intimen Momente sehr geerdert und bin dafür sehr dankbar. Wie gerne hätte ich euch unter anderen Umständen kennengelernt.

Du bist inzwischen auf deinem Stern angekommen und ich weiß, dass wir uns irgendwann wieder sehen.

Oskar, pass gut auf deine Familie auf.
Deine Silke

Ben und seine große Schwester

Als ich damals den Kreißsaal betrat, lag die Mama mit Ben im Arm. Ganz still, ganz innig. Sie erzählte mir, was geschehen war – dass Ben in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurde und nicht bei ihnen bleiben konnte. Und dann begannen wir – ganz behutsam – mit dem Fotografieren. Ich durfte Ben liebevoll fotografieren, so zart, so still, aber voller Bedeutung. Diese Bilder waren von Anfang an ein Herzenswunsch der Mutter. Denn: „Sonst hat man ja gar nichts …“, sagte sie. „Es sind Beweise dafür, dass Ben wirklich da war.“

Kurze Zeit später kam die große Schwester Sophie mit dem Papa dazu. Sophie, damals viereinhalb Jahre alt, betrat leise und etwas schüchtern den Raum. Neugierig schaute sie zum Bettchen. Ich spürte, wie schwer diese Situation für alle war – aber auch, wie wichtig dieser Moment war. Das Eis brach schnell. Sophie trat näher, betrachtete Ben ganz aufmerksam, strich ihm zärtlich über die Stirn. Sie sog jedes kleine Detail in sich auf. Ich hielt diese Augenblicke in Bildern fest. Es war – so schwer es auch klingen mag – eine wirklich schöne, liebevolle Familienzeit: getragen von Nähe, Würde und einem tiefen Gefühl der Verbundenheit.

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Wir haben uns nicht gegen Ben entschieden – sondern für uns als Familie

„Wir haben uns nicht gegen Ben entschieden – sondern für uns als Familie.“ – eine Familie, die einen so schweren Weg gegangen ist. Sätze wie dieser bleiben. Sie zeigen, wie vielschichtig Trauer, Liebe und Verantwortung sein können – besonders dann, wenn das Leben eine Familie vor eine Entscheidung stellt, die eigentlich niemand treffen möchte.

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Einsatzbericht von Bo's Mama

Am 5.2. bin ich mit meinem Partner Jan gegen 21.00 Uhr ins Krankenhaus gefahren. Seit circa 17.00 Uhr hatte ich Wehen, welche ich erst nicht als solche einordnete. Die Regelmäßigkeit war irgendwann sehr auffällig und wir fuhren los. Da ich seit Monaten ständig Blutungen hatte und auch schon mehrfach im KH war, wo es dem Kleinen immer gut ging, war ich dieses Mal zum ersten Mal entspannt und dachte, es wird schon alles gut sein. Im Untersuchungszimmer wollte die Ärztin ausschließen, dass ich kein Fruchtwasser verliere. Als sie das sagte, habe ich das weitere Szenario irgendwie schon vor mir gesehen. Sie machte einen Ultraschall, das Herz des Babys schlug, aber es war kaum noch Fruchtwasser vorhanden. Mein ganzer Körper fing an zu zittern. Es wurden weitere Tests gemacht und eine weitere Ärztin kam und untersuchte mich. Ich wäre gerne optimistisch geblieben, hatte aber sofort dieses Bauchgefühl, dass es nicht gut ausgehen wird. Sie erklärte uns dann, dass, wahrscheinlich durch Bakterien, mein Blasensprung verursacht wurde, und dass es sehr wahrscheinlich ist, dass das Baby in den nächsten drei Tagen zur Welt kommt.
Ich war Ende der 21. SSW, viel zu früh also. Sie erklärte uns, dass das Baby noch nicht überlebensfähig sei. Sie ließ uns kurz alleine, ich weinte viel und dachte, ich sei im falschen Film.

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