Einsatzbericht Luna Anni

Auf dem Weg zum Fitnessstudio, da passiert es:
Mein Handy klingelt, ein Alarm.
Ich bin seit Anfang Juni als Sternenkind-Fotografin angemeldet.
Ich hätte Zeit, sehe aber, dass das Krankenhaus weiter weg ist:
"Nein," denke ich, "viel zu weit weg, 50 Minuten Fahrt, es wird sich schon jemand anderes melden."
Im Fitnessstudio klingelt der Alarm zwei weitere Male und die ganze Zeit schwirrt mir im Kopf herum:
"Das ist mein Sternchen, es soll mein erster Einsatz werden".

Mit dem Gedanken, dass wir ja so viele in Hamburg sind und sich bestimmt jemand findet, der näher dran ist, lehne ich aber erneut ab.
Zuhause angekommen geht mir dieses Sternenkind dennoch nicht aus dem Kopf.

Die Gedanken schwirren um den Einsatz und der Satz: "Es ist mein Sternchen!" kommt immer wieder hoch.
Ich schreibe also Michaela an, weil ich mir wirklich unsicher bin, ob es das Richtige als Ersteinsatz ist. Der Zusammenhalt in diesem Verein ist wirklich toll - jeder steht jedem zur Seite - das habe ich von Anfang an gemerkt. Von ihr kommt ganz lieb gemeint ein paar Sekunden später zurück "Hör auf dein Bauchgefühl, schlaf drüber und entscheide morgen".
"Gute Idee" denke ich und lege mich ins Bett.
Keine 20min später nehme ich mein Handy, schreibe ins Forum, dass ich übernehme und rufe im Krankenhaus an.

 

Ich melde mich an, frage nach, ob die Eltern mit auf die Bilder möchten und wie es mit einem Corona-Test aussähe.
Die Hebamme ist dankbar und bespricht alles mit mir.
Ich packe meine Tasche und lege mich mit einem guten Gefühl wieder schlafen...
Mein Tag fängt um 5 Uhr an, ich fahre zur Arbeit und fange um 6 Uhr an. Gefühlt jede halbe Stunde schaue ich auf die Uhr mit der Frage im Kopf:
"Wann melde ich mich an?", denn die liebe Hebamme gestern hatte mich darum gebeten, mich vorher nochmals anzumelden.
Kurz nach 8 Uhr rufe ich an und sage, dass ich in etwa 1 Stunde da sei.
Die Hebamme freut sich sehr darüber, dass jemand dieser Familie den Wunsch erfüllt und sagt mir, auf welche Station ich kommen solle.
Am Krankenhaus angekommen läuft mir das erste Mal eine Träne über das Gesicht, ich atme tief durch und gehe in den Kreißsaal.
Ich werde von der wirklich lieben und dankbaren Hebamme begrüßt, bekomme einen Corona Test und werde in einen freien Raum gebracht.
Sie lässt mich den Test machen und holt in der Zeit das "Krümelchen" - so heißt sie zu diesem Zeitpunkt noch.
Mein erster Kontakt mit Krümelchen ist ganz zauberhaft, denn sie war frisch aus dem Wasser liebevoll in einen kleinen Korb mit Erinnerungsstücken gelegt und zugedeckt worden.

Sie sieht einfach wunderschön und so perfekt aus. Ich habe nun erst einmal Zeit und Ruhe, die Kleine allein zu fotografieren.
Das tut mir gut, denn ich war vor meinem ersten Einsatz schon ziemlich aufgeregt gewesen.
 

Nach etwa 10 Minuten kommt die Hebamme und erzählt mir die Leidensgeschichte der Familie:
"Krümelchen" ist das 2. Kind, welches die Eltern verloren hatten.
Sie wohnen nicht einmal in Hamburg und sind sehr durcheinander.

Ein paar Tage später hätte ein Eingriff stattfinden sollen, der diesmal eigentlich die Schwangerschaft hätte sichern sollen - zu spät.
Die Mama hat schwer mit Kreislaufproblemen zu kämpfen und kann nicht in den Kreißsaal kommen. Die Hebamme fragt mich, ob ich bereit sei, mit Krümelchen zu den Eltern zu gehen - hinüber auf die Geburtsstation.
Ich muss erst einmal schlucken, willige aber ein.
Wir gehen über Personalgänge zum Zimmer der Mama.

Dort erzählen mir die Eltern dann, dass sie Krümelchen den Namen Luna gegeben haben und dass sie zwei Wünsche für Bilder hätten: eines mit den Fußabdrücken der verstorbenen Schwester und eines mit den Händen von Luna, Mama und Papa.

Ich gebe mein Bestes, um den Eltern wundervolle Erinnerungsbilder anzufertigen. Die ganze Zeit über ist in dem Zimmer ein Gefühl unglaublicher Dankbarkeit, Wärme und Hoffnung zu spüren. Das berührt mich sehr.
Nach meiner Verabschiedung rufe ich noch aus dem Auto Michaela an und rede kurz mit ihr, wobei mir sofort bewusst wird, wie dankbar ich für diese Erfahrung bin - anders kann ich es nicht ausdrücken.

Abends sitze ich mich mit unseren Kindern und meinem Mann auf dem Sofa und erzähle ihnen von meinem Einsatz.
Anfangs hatte ich Bedenken, wie die beiden Kinder das wohl aufnehmen - aber sie haben mich umgehauen: ganz positiv.
Sie fragen nach, wie das Baby heiße, ob die Mama und der Papa wohl nochmal versuchen würden ein Baby zu haben und wie groß es sei.
Zum Schluss wünschen wir den Eltern ganz fest, dass das nächste Baby bei ihnen bleibt und sie mit ihm auch so viel Spaß haben wie wir als Familie.
Die Kerze, die ich anzünde, pusten wir später gemeinsam ganz vorsichtig aus...
Da war er nun: Mein erster Einsatz.
Während ich hier schreibe, laufen mir die Tränen, aber ich bin einfach glücklich und dankbar, dass ich diese Aufgabe übernommen habe.