Als ich damals den Kreißsaal betrat, lag die Mama mit Ben im Arm. Ganz still, ganz innig. Sie erzählte mir, was geschehen war – dass Ben in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurde und nicht bei ihnen bleiben konnte. Und dann begannen wir – ganz behutsam – mit dem Fotografieren. Ich durfte Ben liebevoll fotografieren, so zart, so still, aber voller Bedeutung. Diese Bilder waren von Anfang an ein Herzenswunsch der Mutter. Denn: „Sonst hat man ja gar nichts …“, sagte sie. „Es sind Beweise dafür, dass Ben wirklich da war.“

Kurze Zeit später kam die große Schwester Sophie mit dem Papa dazu. Sophie, damals viereinhalb Jahre alt, betrat leise und etwas schüchtern den Raum. Neugierig schaute sie zum Bettchen. Ich spürte, wie schwer diese Situation für alle war – aber auch, wie wichtig dieser Moment war. Das Eis brach schnell. Sophie trat näher, betrachtete Ben ganz aufmerksam, strich ihm zärtlich über die Stirn. Sie sog jedes kleine Detail in sich auf. Ich hielt diese Augenblicke in Bildern fest. Es war – so schwer es auch klingen mag – eine wirklich schöne, liebevolle Familienzeit: getragen von Nähe, Würde und einem tiefen Gefühl der Verbundenheit.

Die Mama erzählte mir später, dass es für sie nie eine Frage war, ob Sophie Ben sehen darf: „Wenn sie das möchte, dann soll sie das dürfen.“ Der Papa war erst unsicher, aber als Sophie selbst sagte, dass sie sich verabschieden will, war für alle klar: Das ist der richtige Weg. Und heute – zwei Jahre später – ist sich die Familie sicher: Es war die beste Entscheidung.

Sophie redet noch immer über Ben. Mal mehr, mal weniger – aber er ist einfach Teil ihrer Welt. Wenn sie ihre Familie malt, ist Ben mit dabei. Sie schreibt seinen Namen auf Bilder, erzählt von ihm. Die Verbindung bleibt. Und sie bleibt, weil sie ihn sehen durfte. Weil sie spüren durfte, dass er wirklich da war.

Die Mutter sagt: „Ich würde das jedem empfehlen. Lasst das große Geschwisterkind teilhaben an der kurzen, wertvollen Zeit – so traurig sie auch ist.“

Sophie hat gelernt, dass der Tod zum Leben dazugehört. Dass es okay ist, traurig zu sein. Sie hat erlebt, dass Gefühle Raum haben dürfen. Ja, das hat sie geprägt – aber auf eine starke, mitfühlende Weise. Sie hat gespürt, dass auch Tränen Teil von Liebe sind.

Ich durfte der Familie ein Buch schenken – mit Illustrationen und einer Geschichte rund um den Tod eines Geschwisterkindes. Sophie schaut es sich immer wieder an. Manchmal legt sie es weg, wenn es ihr zu viel wird. Manchmal nimmt sie es in die Hand, um sich zu erinnern. Sie betrachtet die Bilder von damals. „Ich vergesse manchmal, wie er aussah“, sagt sie. Deshalb sind die Fotos für sie so wichtig.

Sie hat sich ein Stoffstück ausgesucht, aus dem die Mama einen Stern genäht hat – einen für Ben, einen für Sophie. Sie teilen sich diesen Stern. Und in ihrem Zimmer steht ein Familienfoto. Das wollte Sophie so. Weil sie weiß: Das ist ihre Familie. Mit Ben. Für immer.

Heute erreichte mich folgende Nachricht der Mama:

„Sophie ist gerade wieder sehr mit Ben und dem Thema Tod beschäftigt und versteht gerade, dass der Körper auf dem Friedhof liegt, aber seine Seele im Himmel ist. Und wie schade es ist, dass die Seele unsichtbar ist, weil wir ihn so ja gar nicht sehen können.
Letzte Woche sind wir geflogen, und eine Stewardess fragte sie, ob sie Geschwister hat. Sie antwortete: ‚Ja, einen kleinen toten Bruder und eine kleine Schwester.‘ Das kam für alle Beteiligten unerwartet, und sie war so überfordert und mitleidig, dass Sophie erst einmal einen Muffin geschenkt bekam.
Auf jedem Bild, das Sophie malt, ist Ben gerade mit drauf, wird erwähnt, wenn ich ihn nicht mit einbeziehe … Sie erzählt Leonie, ihrer kleinen Schwester, jedes Mal, dass sie einen großen Bruder hat – und mir, dass sie ihr alles über ihn erzählen wird, wenn sie größer wird. Letzte Woche hat sie sich mit mir sogar die Erinnerungskiste angeschaut und wollte jedes einzelne Bild von dir sehen.“

Meine Gedanken:
Ich bin so tief berührt von dieser Stärke, dieser Offenheit und der liebevollen Art, wie diese Familie mit dem Unfassbaren umgeht.
Ich wünsche mir, dass noch mehr Familien den Mut haben, ihr Sternenkind in die Mitte zu holen. Die Zeit ist kurz – aber sie zählt. Und Bilder können helfen, diese Zeit festzuhalten. Als Erinnerung, als Halt, als Brücke zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.

Wenn du selbst vor dieser schweren Entscheidung stehst, möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein. Und vielleicht kann dieser Beitrag dir Mut machen – für ein zartes Ja in einer zerbrechlichen Zeit.

Ben und seine große Schwester

Als ich damals den Kreißsaal betrat, lag die Mama mit Ben im Arm. Ganz still, ganz innig. Sie erzählte mir, was geschehen war – dass Ben in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurde und nicht bei ihnen bleiben konnte. Und dann begannen wir – ganz behutsam – mit dem Fotografieren. Ich durfte Ben liebevoll fotografieren, so zart, so still, aber voller Bedeutung. Diese Bilder waren von Anfang an ein Herzenswunsch der Mutter. Denn: „Sonst hat man ja gar nichts …“, sagte sie. „Es sind Beweise dafür, dass Ben wirklich da war.“

Kurze Zeit später kam die große Schwester Sophie mit dem Papa dazu. Sophie, damals viereinhalb Jahre alt, betrat leise und etwas schüchtern den Raum. Neugierig schaute sie zum Bettchen. Ich spürte, wie schwer diese Situation für alle war – aber auch, wie wichtig dieser Moment war. Das Eis brach schnell. Sophie trat näher, betrachtete Ben ganz aufmerksam, strich ihm zärtlich über die Stirn. Sie sog jedes kleine Detail in sich auf. Ich hielt diese Augenblicke in Bildern fest. Es war – so schwer es auch klingen mag – eine wirklich schöne, liebevolle Familienzeit: getragen von Nähe, Würde und einem tiefen Gefühl der Verbundenheit.

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Wir haben uns nicht gegen Ben entschieden – sondern für uns als Familie

„Wir haben uns nicht gegen Ben entschieden – sondern für uns als Familie.“ – eine Familie, die einen so schweren Weg gegangen ist. Sätze wie dieser bleiben. Sie zeigen, wie vielschichtig Trauer, Liebe und Verantwortung sein können – besonders dann, wenn das Leben eine Familie vor eine Entscheidung stellt, die eigentlich niemand treffen möchte.

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Einsatzbericht von Bo's Mama

Am 5.2. bin ich mit meinem Partner Jan gegen 21.00 Uhr ins Krankenhaus gefahren. Seit circa 17.00 Uhr hatte ich Wehen, welche ich erst nicht als solche einordnete. Die Regelmäßigkeit war irgendwann sehr auffällig und wir fuhren los. Da ich seit Monaten ständig Blutungen hatte und auch schon mehrfach im KH war, wo es dem Kleinen immer gut ging, war ich dieses Mal zum ersten Mal entspannt und dachte, es wird schon alles gut sein. Im Untersuchungszimmer wollte die Ärztin ausschließen, dass ich kein Fruchtwasser verliere. Als sie das sagte, habe ich das weitere Szenario irgendwie schon vor mir gesehen. Sie machte einen Ultraschall, das Herz des Babys schlug, aber es war kaum noch Fruchtwasser vorhanden. Mein ganzer Körper fing an zu zittern. Es wurden weitere Tests gemacht und eine weitere Ärztin kam und untersuchte mich. Ich wäre gerne optimistisch geblieben, hatte aber sofort dieses Bauchgefühl, dass es nicht gut ausgehen wird. Sie erklärte uns dann, dass, wahrscheinlich durch Bakterien, mein Blasensprung verursacht wurde, und dass es sehr wahrscheinlich ist, dass das Baby in den nächsten drei Tagen zur Welt kommt.
Ich war Ende der 21. SSW, viel zu früh also. Sie erklärte uns, dass das Baby noch nicht überlebensfähig sei. Sie ließ uns kurz alleine, ich weinte viel und dachte, ich sei im falschen Film.

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